März - Ich und mein Ständer

Da stehe ich nun mit meinem Ständer und bin sogar etwas stolz auf ihn. Seit kurzem habe ich ihn nun meinen Dauerständer und es ist mir nicht mal mehr unangenehm. Mit der Zeit habe ich mich sogar daran gewöhnt. Die Leute schauen mich nicht mal mehr an, wenn ich mit ihm so dastehe, ihn manchmal liebevoll umfasse und er steil in die Luft ragt.
Nur nachts ist es etwa schwierig, vor allem wenn die Krankenschwester kommt und die Infusionsbeutel wechseln muss. Ich wurde notfallmässig im Spital eingeliefert, doch zum Glück nicht so schlimm wie befürchtet. Allerdings musste ich ein paar Nächte zur Beobachtung bleiben. Schon im Notfall wurde mir der Ständer zur Seite gestellt und wich seither keine Sekunde von meiner Seite. Da ich ja mit ein paar Schläuchen mit ihm verbunden bin, ist es auch schwierig, mich von ihm zu trennen. Seit Jahren wieder ein Spitalbesuch, unerwartet zwar, doch besser so, als wenn etwas Schwerwiegendes zu Tage gekommen wäre. Christoph hat mich hergefahren und Asco hat gewinselt, wie wenn wir uns nie mehr wiedersehen würden. Dabei weiss er ja, dass er bei Christoph gut aufgehoben ist und mehr verwöhnt wird als zuhause.
Mir fällt auf wieviel Personal so ein Spital hat und welch extreme Hierarchie herrscht. In den 5 Tagen hatte ich drei Ärzte, einen Oberarzt, den ich gerade mal knappe fünf Minuten gesehen habe, unzählige Pflegerinnen und Pfleger, Putzpersonal und die Frauen, die fürs Essen bringen zuständig waren. Alles genau durchgeplant und orchestriert.
Die Zimmer sind nichts Besonderes und ich liege auf derselben Station wie beim letzten Mal vor 25 Jahren. So lange ist mein letzter Spitalaufenthalt her, als ich einen Bänderriss am rechten Fuss operieren musste.  Auch sind die Zimmer immer noch dieselben, doch neu fällt der Blick auf die Uhr an der gegenüberliegen Wand. Schon im Notfall, überall! Hat man in der normalen Arbeitswelt das Gefühl, die Zeit rast, ist hier das Gegenteil der Fall - die Minuten werden zu Stunden. Immer und überall starrt mir eine Uhr von der gegenüberliegenden Wand entgegen. Vor allem nachts, wenn man nicht schlafen kann und der Zimmernachbar die Nachtschicht auf Trab hält, zähle ich die Minuten. Ich beneide die Leute nicht, die sich aufopfernd um die Patienten kümmern und vom Arbeitsplan her kaum für sie Zeit haben. Die stöhnenden Hilferufe, das penetrante Klingeln und piepen, das nachts durch die Gänge hallt, hat etwas unheimliches, schon fast Surreales. Mit unendlicher Geduld versuchen sie zum wiederholten Mal meinem Zimmernachbarn beizubringen, wo das Licht ein- und ausgeschaltet werden kann, wie er das Bett verstellen oder fernsehen kann. Abend für Abend dasselbe – in der Nacht ebenso. Kommt erschwerend dazu, dass er sich die Kabel zur Intensivüberwachung zum x-ten Mal ausgerissen hat. Dies zieht dann einen intensiven Piepston nach sich und meistens spurten gleich zwei Schwestern ins Zimmer. Das erste Mal kurz vor Mitternacht und ich hatte gerade eine knappe Stunde geschlafen. Für den Rest der Nacht ist an Schlaf und Erholung nicht zu denken. Werde ich auch mal so enden? Verwirrt, orientierungslos und depressiv mit 75 Jahren – ich mag nicht daran denken. Und kaum bin ich in dieser Nacht endlich gegen fünf Uhr morgens eingeschlafen, weckt mich um sechs Uhr die Schwester um die Infusion zu wechseln, neue Antibiotika zu stöpseln, und zu guter Letzt auch noch Blut abzuzapfen. Mein Geduldslevel rast im Sturzflug rapide gegen den Nullpunkt. Doch ihr freundliches Lächeln und die Entschuldigung, dass ich eine schlimme Nacht gehabt hätte, stimmt mich milde. Ihr war es ja genau gleich gegangen.
Ich bin froh, als ich meinen Ständer – meinen Infusionsständer – abgeben und aus dem Spital kann. Und einmal mehr dankbar für die Gewissheit, wie gut es wir Gesunden haben - und doch gerade diese Gesundheit nicht zu schätzen wissen.


Februar - Blaue Seiten

Es ist passiert. Ich habe mir auf den blauen Seiten endlich wieder ein Profil erstellt. Man(n) sollte ja mit der Zeit gehen. Die Zeiten sind endgültig passé, als man(n) jemanden in einer Bar oder Disco kennen lernte, die halbe Nacht durchtanzte und nach dem letzten Drink den Kerl abschleppte. Man(n) verbrachte den Sontag zusammen – vorwiegend im Bett – und machte am Montag blau, um noch etwas länger mit dem Kerl im Bett zu bleiben.

Nach dem so verlängerten Wochenende verknallte man(n) sich entweder in den Typ oder man(n) sah ihn nie wieder im eigenen Bett, in der Bar hingegen schon, wo er sich von einem anderen Typ abschleppen liess.
Doch hier auf den blauen Seiten weiss ich, was mich in etwa erwartet. Sie sind voll mit netten Bildern, wenn man von der Bildqualität mal absieht, die irgendwelche verrauschten, unscharfen oder angeschnittenen Gesichter zeigen. Alle sind irgendwie in den Ferien, sehen relaxt aus, niemand scheint zu arbeiten. Das Leben besteht schliesslich nur aus Fun, wenn man den Profiltexten Glauben schenkt. Schliesslich will man sich anbieten oder sucht etwas – Marketingkenntnisse sind klar von Vorteil. Da werden sämtliche Vorzüge runtergeschwurbelt, Romane geschrieben oder gar nichts. Am schönsten finde ich Texte wie: «ohne Gesichtsbild kein Chat» und im eigenen Profil prangt ein Gänseblümchen. Also sieht der Typ aus wie ein Gänseblümchen, wie ein Turnschuh, wie eine Landschaft, wie eine Mauer oder wie gar nichts? Oder «Boy, 56 sucht…»  - sogar mit meinen 45 ist meine «Boy-Zeit» seit über 25 Jahren vorbei. Ich bin ganz klar ein Mann, ein Kerl von oben bis unten, mit Bart, Haaren auf der Brust, an Armen und Beinen, schwindenden Herrenratsecken und etwas zuviel auf den Rippen. Und wer ein neues Profil hat, wird eh überrannt mit Anfragen, Angeboten und Anmache.

Ich beschliesse ein aktuelles Bild von mir und Asco als Profilbild zu laden. Da weiss jeder was Sache ist und mein Hund eine Liebschaft überdauern kann, ich aber keine solche suche. In meinem Beziehungsstatus steht, dass ich eine offene Partnerschaft habe – haben Christoph und ich mal so beschlossen. Nicola, ein Bekannter, sagt da, er sei Single. Obwohl er in einer Beziehung lebt und sehr eifersüchtig reagiert, wenn sein Freund nur schon einen anderen anguckt. Die eigene Reflektion bleibt etwa in der Reisverschlussgegend hängen. Bildtechnisch allerdings sieht man in der Reissverschlussgegend sehr viel stehen oder hängen, mehr als einem lieb ist. Und ich wurde auch schon gefragt, weil ich kein so stehendes Bildchen habe: «Was hast du in der Hose?» Ist doch im Grunde ganz einfach: Portemonnaie, Hausschlüssel und ein Taschentuch.

Ok, nicht ganz das, was der Typ wissen wollte. Doch für alle, die es jetzt genau wissen wollen. Ich trage etwa ein paar Leckerli für Asco bei mir. Aber wenig, nicht dass er zu dick wird. Apropos Dick: Jeder gefühlt Zweite geht ins Fitnessstudio, fährt Rad, macht Dauerlauf oder irgendeinen Sport. Matratzensport? Wenn ich mich so ansehe, habe ich nicht mehr die Figur wie vor zwanzig Jahren und ewig jung bleiben will ich auch nicht. Die grauen Haare schimmern schon länger durch mein braun. Doch ich bin zufrieden. Also stelle ich mir die Frage: Was mache ich hier? In dieser Scheinwelt, in der - wie es aussieht - Keiner Durchschnitt ist. Ich will jetzt nicht sagen, dass es hier keine tollen Leute gibt. Langjährige Freundschaften sind bei mir so entstanden, sogar Christoph habe ich erst über die blauen Seiten kennen gelernt, bis wir uns per Zufall mal direkt über den Weg gelaufen sind. Die blauen Seiten gibt es schon lange, doch damals waren sie ehrlicher. In der heutigen Selfie- und Selbstdarstellungs-Ära scheint mir, ist anderes gefragt – Äusserlichkeiten, aufgepeppt mit den eingebauten Fotofilter des Smartphones. Wäre es nicht an der Zeit, wieder ehrlicher miteinander umzugehen? Direkt und nicht virtuell?

Christoph konnte es kaum erwarten mein neues Profil zu sehen. Er hatte Freude, weil er das Bild von mir und Asco gemacht hatte. «Gefällts dir?» fragte ich. «Doch, kommst gut rüber, und ich würde dich sofort nehmen…!» Ich lachte. «Dann ist ja gut, mich hast Du ja» und drückte den «Löschen»-Button.



Januar - Januarloch

Der erste Schnee war gefallen – Mitte Dezember - und Asco hatte Freude, darin umher zu tollen. Ich hatte meine warmen Schuhe und die Winterjacke mit Fleeceeinsatz hervorgeholt. Obwohl diese Jacken schon so was von out sind, mag ich das kuschelige Ding eben doch. Die neuen modernen Daunenjacken geben zwar recht warm, ich aber sehe darin aus wie ein Michelin-Männchen.

Doch Weihnachten war wieder grün, warm und für meinen Geschmack eben sowas von nicht Weihnachten. Und nun im Januar kündigt sich das Januarloch an. Nach Black-Friday, Cyber-Monday und was da alles an billigen Produkten verscherbelt wurden, bleibt nun kein Geld für gar nichts mehr. Und immer noch ist Sale – oh ja, gesalzen kommt einem dann doch die eine oder andere Rechnung vor. Genau das darf ich wieder im Geschäft zu duzenden ausbaden. Dafür bin ich ja da und werde bezahlt. Was mir aber nicht in den Kopf gehen will, ist der dauernde Konsumrausch. Nachdem ich meinen Kleiderschrank endlich ausgemistet habe und das Meiste in die Kleidersammlung gab, hatte ich nicht das Gefühl, den Schrank wieder zu füllen. Nein, ich geniesse die Leere dort drin.

Leere ist nach den Festtagen auch endlich in meiner Wohnung eingekehrt. Nach den ganzen Weihnachts-, Zwischendurch- und Silvesteressen mit Familie, Christophs Familie, Freunden und Bekannten, Nachbarn, Patenkindern und Hundekollegen bin ich froh, dass der Alltag Einzug gehalten hat. Auch Asco geniesst die Ruhe sichtlich und liegt mir abends zu Füssen oder wir unternehmen besonders lange Spaziergänge. Mir ist wesentlich wohler ohne diese üppigen Gelage. Und ich kann mein Gehirn freischaufeln und über Bevorstehendes nachdenken – über meine Ferien und die Abstimmung im Februar. Die Wohnungsinitiative interessiert mich nicht sonderlich – ich habe ja eine eigene Wohnung. Egoist - denken Sie wahrscheinlich! Ja, dem könnte man so sagen. Doch die Änderung im Strafgesetzbuch für das Verbot der Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung ist ganz klar anzunehmen. Da gibt es ein grosses Ja von mir. Denn nach Meinung von Bundesrat und Parlament darf niemand wegen seiner Homo-, Hetero- oder Bisexualität diskriminiert werden. Das gehört zu den von der Bundesverfassung garantierten Grundrechten. Die Erweiterung des Strafrechts verbessert den Schutz vor Diskriminierung. Ist auch meine Meinung – und Ihre?

Und von wegen Januarloch… Trotz der Wärme, die wir hier haben, zieht es mich in den Süden. Genauer nach Gran Canaria. Ja, ich weiss: Sonne, Sand und Meer. Oder sollte ich sagen: Mehr? Mehr Gays, mehr Szene, mehr Sex. Christoph mag GC nicht, das sei ihm zu schwul. Auch gut, denn er lässt mich ziehen und so kann ich meiner geheimen Lust frönen. Oh nein, da kommen sie nie drauf, denn sie haben sicher gedacht Gays aufreissen, heisse Nächte und davon jede in einem anderen Bett mit einem anderen Kerl, Disco bis zum abwinken. Ha, wenn Sie wüssten – doch nein, das bleibt mein kleines Geheimnis – nur soviel: Es hat mit Sand und Meer zu tun. Und eben mit dem Januarloch, denn Ende Januar ist es soweit. Eine Woche nur für mich ganz alleine. Asco wird mir zwar nach zwei Tagen fehlen, doch der freut sich, wenn er meine Schwester zum Wahnsinn treiben kann. Und ich werde sicher den einen oder anderen Kerl ansehen, mich in Abschlepptaktik üben, heisse Nächte haben. Und wahrscheinlich nicht nur das… Aber behalten sie es für sich.

Dezember – Advents- und Weihnachtszeit 2019

Dezember, Monat der Chläuse. Ende November trafen sich 52 von ihnen in Zofingen zum 20 Jahr Aargay Anlass. Wie mir zu Ohren kam, war es ein gemütlicher Anlass mit zufriedenen Gesichtern, gutem Essen und ausgelassener Stimmung. Eher befremdlich war, dass nur eine Flasche Rotwein getrunken wurde. Eine Flasche Rotwein für 52 Männer?

Ich wurde auf Anfrage aufgeklärt, dass es sich um eine 15 Liter Flasche handelte. Die üppige Weihnachtsdekoration war Gesprächsstoff, auch das Dessert wurde gelobt und wenn ich an all die süssen Versuchungen in der Weihnachtszeit denke, werde ich noch etwas schwerer und runder. Der verführerische Duft von frisch gebackenen Güetzli lässt mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Angefangen von den Mailänderli, über Brunsli oder Anis-Chräbeli bis zu den raffinierten Orangenschnitten, die Christoph so gut macht. Die Weihnachts- und Adventszeit ist da. Karten kreieren, schreiben und an liebe Menschen senden, an die man all die Monate vorher nicht gedacht hat. Jahreszusammenfassungen lesen, die man von Verwandten bekommt – doch was interessiert mich die Operation am Darmausgang von Tante Berti? (über andere Darmausgänge kann man reden…) 

An Dezemberabenden bei Kerzenlicht zusammen essen – wenn Christoph mal da ist, denn meistens darf ich das alleine mit Asco. Im Radio wird «Last Christmas» von Wham rauf und runter gespielt und im Kino läuft sogar ein Film der so heisst – natürlich nur mit Songs von Wham (Schmelz). Die Heilsarmee singt in der Stadt die alten  Weihnachtslieder, die keiner mehr richtig kennt und nur noch mit summt. Weihnachten sollte eine besinnliche Zeit sein. Das Gegenteil ist der Fall. Alle müssen noch irgendwelche Geschenke kaufen, weil sie die Wochen vorher nicht daran gedacht hatten. In den Läden herrscht Grossandrang, obwohl seit Mitte Dezember schon Winterschlussverkauf ist – oder gerade deswegen? Die Luft ist stickig und ich habe jedes Mal das Gefühl in einer Mischung aus Sauna und vollgestopftem Bus mich mit der Masse unzähliger Ausdünstungen bewegen zu müssen. Dabei könnte Weihnachten so entspannt sein. Man arbeitet weniger als in normalen Monaten. Hat Zeit mit seinen Liebsten die Tage zu verbringen – die ab und zu auch wegen Streitigkeiten entgleisen. Warum eigentlich? Hat man endlich Zeit zum Streiten oder ist man wegen dem ganzen Weihnachtsrummel genervt?

Doch wenn ich an den Weihnachtmann aus meiner Kindheit zurückdenke, wird mir warm ums Herz. Der Weihnachtsmann mit seinem Schmutzli kam bei uns immer am Heilig Abend. Anfänglich war da die Mischung aus Angst und Faszination. Kann ich den Vers richtig aufsagen, damit ich ein Geschenk bekomme? Auch wenn ich es nicht konnte, nahm er mich auf seinen Schoss und ich bekam etwas aus seinem Sack (keine schmutzigen Gedanken jetzt…) Mit der Zeit fand ich den Schmutzli mit seinem dunklen Bart jedoch interessanter und geheimnisvoller. Später stellte sich heraus, dass der Weihnachtsmann mein Pate war. Der Schmutzli war unser Nachbar, den ich später wegen seinem behaarten Körper extrem sexy fand, wenn er im Sommer in seiner knappen Badehose im Garten arbeitete. All diese Kindheits- und Jugenderinnerungen werden immer verwaschener, je älter man wird. Schliesslich verdrängt man sie ganz, um dem Ansturm und Wettbewerb auf Weihnachten gerecht zu werden.  Dabei braucht es so wenig. Asco und Christoph, Zeit für einander. Und dann noch die Familie, meine Eltern und Geschwister, Christophs Eltern und Geschwister. Unsere Freunde, die wir schon lange nicht mehr gesehen haben. Die Arbeitskollegen mitsamt Familie, dann wären da noch… Ich glaube an Weihnachten verreise ich endgültig. Alleine!


November-Blues 2019

Die Tage sind kürzer geworden. Mein Hund verkriecht sich solange er kann auf seiner Matte und Lust nach draussen in den Nebel zu gehen, hat er frühmorgens schon mal gar nicht. Ich kann ihm nachfühlen und verwünsche meinen Wecker ins Pfefferland. Irgendwann sollte ich aus den Federn in die kühle, feuchte Suppe.

Herbst und Nebel geht ja noch, doch November und Nebel geht gar nicht.
In der Stadt strahlen teils seit Anfangs Oktober die Schaufenster mit Weihnachtsartikel um die Wette. Noch einen Monat und dann wird der Weihnachtskitsch dem Winterschlussverkauf Platz machen  garantiert ab Mitte Dezember. Wehe dem, der noch etwas für Weihnachten besorgen sollte. Im November fliesst alles nur zähflüssig dahin. Die goldenen Herbstfarben sind verschwunden, das Grau des Nebels hat Einzug gehalten. Wir haben uns noch nicht auf die Wintergarderobe umgestellt, weil Oktobertage zum Teil sehr warm waren und wir in Shorts und T-Shirts rumlaufen gelaufen sind. Ist ja auch eine Schande, dass man die frisch zugelegten Muckis nicht mehr zeigen kann. Allerdings ist es auch nicht schlimm, wenn die Fettpolster versteckt bleiben. Dass sogar der Mode- und Schönheitswahn im November endlich ins Stocken gerät und jeder wieder so sein darf, wie er eben ist, hat auch etwas Befreiendes.

Die Aussicht auf einen gemütlichen Film- oder Fernsehabend stimmt mich wieder freundlicher. Kuscheln vor dem Cheminéefeuer mit Christoph, meinem Freund, mit dem ich aber nicht zusammenwohne. Und nein, Kinder haben wir auch keine adoptiert, sonst müssten wir uns vielleicht mit mühsamen Spielgruppen-Leiterinnen rumschlagen. Ein Buch am Stück durchlesen, während der Hund gemütlich zu meinen Füssen döst. All die Dinge, die man sich für die langen Winterabenden vorgenommen hat, kann man nun langsam ins Auge fassen. Endlich mehr Zeit, da man draussen nichts verpasst – oder das Gefühl hat zu verpassen, Winterzeit sei Dank.

Der Kleiderschrank könnte zum Beispiel ausgemistet werden. All die Klamotten, die sich seit Jahren stapeln und die ich nicht mehr trage - weil sie zu alt oder zu klein sind - könnte ich gut entsorgen. In meine Lederkluft komme ich seit Jahren nicht mehr, die hat bloss noch Erinnerungswert – schmerzlichen Erinnerungswert, wenn ich mich im Spiegel betrachte. Mein Harnisch hatte ich vor 20 Jahren mit einer grossen Liebe in Boystown Chicago gekauft. Den sollte ich sowieso schon lange weggeben. (Nicht den Mann – den Harnisch. Jemand Interesse? Grösse S) Die wilden Jahre sind bei mir gewichen. Und wenn ich so überlege, war nicht jede Eroberung gleich die grosse Liebe oder EINE grosse Liebe. Und heute? Doch ich schweife in Gedanken an meine Liebhaber ab…

Als ich nun vor dem Schrank stehe, noch immer im Schlafanzug, frage ich mich, ob vielleicht eine neue Farbpalette gefragt wäre? Im Büro darf es ruhig bunter sein als immer nur Beige, Grau, Oliv oder dezentes Blau. Kann ich mich entscheiden für kräftigere oder gewagte Farben wie Knallgelb, Grasgrün oder Flieder? Bei der Gelegenheit wäre auch eine Nummer grösser angesagt.

Ab November stehen sowieso wieder die Weihnachtsessen der Firmen an. Jubiläumsessen, die von Sommer in den November verschoben wurden. Einladungen zum Essen, die man durchs ganze Jahr immer wieder hinausgezögert hat und nun meint, es müsse alles noch in diesem Jahr sein. Was bin ich froh, kann ich meine Badehosenfigur, die ich nie hatte, unter weiten Pullovern und bequem weiten Hosen verstecken, ohne meine Hüftpolster in irgendwelche enge Jeans zu quetschen. Mit den jungen Fitnessboys und der Selfie-Generation will ich mich nicht messen. Doch ab und zu verguckt sich einer dieser jung dynamischen Kerls in einen Daddy wie mich – ergreifen sie die günstige Gelegenheit. Ich sollte unbedingt wieder Sport machen – überhaupt Sport machen. Asco schaut mich quälend an. Herrje, der Hund muss raus. Wie schnell im Nebel die Stunden vergehen.


Wahlen - Oktober 2019

Jetzt strahlen sie wieder doppelt, die Strassenlaternen. Des Nachts bestrahlen sie die Strasse und durch den Tag strahlen einem vom Laternenpfahl unzählige, ebenso freundliche Gesichter entgegen. Unbestritten, es ist Wahljahr! Was versprechen die vielleicht angehenden Politiker und Parteien nicht alles? Doch haben sie auch schon mal ein Anliegen oder Versprechen für die LGBT-Gemeinde auf einem dieser Plakate entdeckt? Ich jedenfalls nicht. Das Motto scheint grün zu sein. Für eine Saubere Umwelt, weniger CO2 Belastung, Flugticketabgabe, Greta - Streik. Für die Grünen und Grünliberalen kein Thema. Wird nun mein Flug nach Gran Canaria an den Gay-Strand wieder teurer? Und wenn es im Sommer immer heisser wird wie in den letzten Jahren, da freut sich sicher nicht nur die Bier-industrie - die aber auch wieder CO2 verursacht - Scheinbar.

Doch zurück zu den strahlenden Kandidaten an den Laternenmasten – oder sollte ich sagen Verbrechen am Laternenpfahl? Damit meine ich nicht Asco, mein Hund, der unbeeindruckt das Bein an einem solchen Pfahl hebt. Ist nun auch Blau das neue Grün? Wie schnell kann man doch die Farbe wechseln um Wähler zu gewinnen. Oder wo zum Beispiel sind Diejenigen mit der orangen Farbe, machen die wirklich nur digitalen Wahlkampf? Die, denen die Familie über alles geht. Doch unsere Art Familie, zählt bei den Orangen scheinbar nicht. Dass die Gelben einen langweiligen Wahlkampf machen, sagen sie ja selber. Dass diese Partei einen ganz netten schwulen Jungpräsidenten haben, verschweigen sie. Ich meine nicht die Gelben, die ganz fromm sind, die lasse ich mal aussen vor. Und dass die Partei mit der Sonne im Logo, diese kaum mit dem Regen-bogen ersetzen wird, dürfte auch klar sein. Die haben ja auch die Farbe grün im Logo, sehen aber meistens schwarz. Gibt es eigentlich Schwule oder Lesben oder sogar Trans-menschen in dieser Partei? Es gibt sie, ja – nach neusten Erkenntnissen schweizweit an die sechzig Mitglieder. Bei der Partei mit der roten Farbe ist es ja klar, die hatten vor Jahren einen schwulen Nationalratspräsidenten, der sich öffentlich dazu bekannte.

Nun, frage ich mich schon: Wen soll ich denn nun wählen? Soll ich mich treiben lassen und den hübschen Männern, die mir auf den Fotos gefallen, meine Stimme geben? Oder soll ich nun mühsame Recherche betreiben, wer denn nun lesbisch, schwul, trans oder LGBT freundlich gesinnt ist und die Anliegen in den Räten vertritt? Vielmehr scheint mir der Genderkampf in vollem Gang zu sein. Die Klimadebatte donnert ungebremst übers Land, Themen wie der Vaterschaftsurlaub
nehmen Überhand, kurzzeitig flackert die Ehe für alle auf. Dank einem Bieler Stadtrat sieht die eine Partei vielleicht doch nicht so schwarz wie sonst, wo andere etwa von orangen zu roten Köpfen mutieren. Sind diese Politiker, die sich jetzt stark machen, wirklich wählbar? Mein Kopf beginnt zu rauchen und ich sehe schwarz – obwohl ich keineswegs mit dieser schwarzsehenden Partei sympathisiere, auch wenn sie ein paar hübsche Bauernkerle in ihren Reihen haben.

Irgendwie hat mich das Feuer noch nicht gepackt. Der mediale Kampf steht noch bevor und viele, sehr viele strahlende Köpfe werden frei Haus geliefert. Wer wirklich anpacken sollte, sind wir! Wir haben es in der Hand um zu schauen, dass Versprechen nicht blosse Versprechen bleiben. Dass das Strahlen an den Laternen nach den Wahlen nicht nur nachts zu finden ist. Also Freunde, geht wählen!










Aargay
von Männern - für Männer
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