Juli - Sommerflaute

Es ist wieder soweit! Der Sommer hat Einzug gehalten. In der Stadt sind die Shirts, Röcke und Hosen kürzer geworden und man sieht sich länger mal einen Kerl genauer an. Überall werden Strassen aufgerissen, Staus sind da vorprogrammiert, durch Lenzburg zu kommen ist mittlerweile eine Katastrophe. Doch neben einem knackigen Bauarbeiter mit nacktem Oberkörper fällt einem das Warten leicht, bei Mehreren sowieso, wenn sie mal nicht die vorschriftsgemässen Westen an haben. In der Badi ist eh der Teufel los, an Flüssen und Seen wird teilweise textilfrei gebadet und die Cruisingwäldchen sind abends wieder mehr frequentiert.

Sommer hat etwas von frei sein, etwas Unbeschwertes, sich so geben wie man will. Und doch ist in diesen Sommer alles etwas anders. Die Virus-Krise ist noch nicht überwunden, die Ansteckungen nehmen zu und gewisse Massnahmen werden wieder eingeführt. Die „Ehe für alle“ wurde vom Nationalrat abgesegnet und wird im Ständerat im Herbst sicher durchkommen, wenn auch knapper, weil der Ständerat eher konservativer ist. Kurt Aeschbacher hat sich mit der katholischen Kirche angelegt, was in diesem Fall gut ist und das Fernsehen macht sich auf das Sommerloch bereit, Aufgewärmtes a-gogo.

Bei mir fühle ich sowas wie ein Sommerloch oder vielmehr ein Kuscheldefizit oder wie man dem auch immer sagen will. Klar braucht mich Asco und ich bin froh ihn zu haben, denn ihn kann ich kraulen und wenn wir beide herumtollen, stürzt er sich schon mal auf mich und brachte es auch schon fertig, mich auf den Boden zu werfen. Doch lieber hätte ich das mit Christoph. Der anfängliche leidenschaftliche Sex und die teils lustigen Ideen dabei fehlen mir schon. Wir haben ein zwar offenes Verhältnis, doch hatten immer viel zusammen unternommen, Sex gehörte logisch dazu und Asco mochte ihn vom ersten Augenblick an. In den letzten Monaten er hat sich extrem rar gemacht und ich frage mich ernsthaft, ob unsere Beziehung die Krise ausgehalten hat. Ich im Home-Office hatte ja nun viel besser Zeit, auch abends etwas mit ihm abzumachen und er blockte praktisch jedes Mal ab. Anfänglich habe ich das wirklich auf zu viel Arbeit und Stress bei ihm abgeschoben, doch jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Vielleicht sollte ich mein Profil auf den blauen Seiten wieder aktivieren oder auch mal wieder einer der Crusingplätze aufsuchen, obwohl ich das gar nicht so mag. Schon nur, wenn ich am Fluss mit Asco spazieren gehe und mich da ein nackter Kerl anlächelt, stellt Asco die Haare auf und wenn er kurz vor dem knurren ist, weiss ich, lass die Finger von dem Typ. Asco lässt da so schnell Keinen an mich heran. Ob ich ihn einfach mal zuhause lassen soll? Doch spätestens, wenn ich den Kerl abschleppe, würde Asco zuhause sein Urteil fällen. Und eigentlich mag ich gar keinen Kerl abschleppen. Ich habe ja Christoph, auch wenn der im Moment komisch drauf ist. Ist vielleicht auch in ein Sommerloch gefallen.

Dabei wäre es so einfach. Eine Decke, etwas Feines zu trinken und zu knabbern, Aussicht auf Frischfleisch oder sonstige schöne Anblicke. Das wäre doch nicht schlecht. Von Lagerfeuerromantik will ich gar nicht erst sprechen. Und doch habe ich eine Feuerschale gekauft und mir einen Plastikpool auf meine Terrasse gestellt. Asco liebt es und ich kraule ihn neben dem Feuer und schlürfe meinen Drink alleine. Das Leben kann so herrlich einfach sein und doch spüre ich eine Veränderung ist im Anzug. Es klingelt und ich wundere mich, wer das sein könnte. Asco ist ganz aufgeregt und nicht wie sonst. Ich weiss, es steht jemand vor der Türe, den er mag. Und ich traue meinen Augen nicht: Da steht ein Berg von Mann.




Juni - Latte am Morgen

Latte am Morgen, bei Christoph war es normal am Morgen eine Latte zu bekommen. Zuhause in letzter Zeit nicht mehr. Da kommt man schon ins Grübeln. Vielleicht zu viel Stress am Morgen, weil Asco raus musste und ich ab und zu nicht aus dem Bett zu kriegen war. Oder einfach keine Lust? Viele Männer bekommen morgens keine Latte und das aus verschiedenen Gründen.

Doch seit kurzem erfreue ich mich wieder morgens eine Latte zu bekommen. Selbstgemacht: Caffè Latte, aufgeschäumt, in einem Latte Macchiato oder einfach pur. Denn ich habe mir endlich eine neue Kaffeemaschine gekauft, da meine alte Kolbenmaschine den Geist aufgegeben hat. Ich hatte ja genug Zeit in dieser Zuhause-bleiben-Ära, dass ich mir im Internet genügend Kaffeemaschinen anschauen und vergleichen konnte. Nein, nicht so eine Maschine, für die ein netter Herr für einen weltweiten Grosskonzern - Was sonst? - Werbung macht und mit den Kapseln für einen immer grösseren Alu-Berg sorgt. Auch nicht von der Schweizer Firma, die in der Nähe einer geilen Schwulensauna zu finden ist, und für die ein Tennisprofi sein Racket schwingt.

Nein, ganz simpel: eine Maschine mit der Mann - und Frau übrigens auch - einen tollen Kaffee machen kann. Mit frischen Bohnen - also frisch gemahlen, nicht gekapselt - mit Milchwärm- und Aufschäumfunktion, direkte Tastenfunktionen für verschiedene Kaffees wie eben eine Caffè-Latte. Sie ist Home-Office tauglich, einfach zu reinigen und kommt - wie könnte es anders sein - aus Italien.

Und wenn wir schon beim Thema Latte sind, verbinden doch viele Männer die Morgenlatte beim Aufstehen mit einem sexuellen Traum, auch wenn sie nicht mehr wissen, was sie geträumt haben. Doch Nein, sie stellt einen rein körperlichen Prozess dar und hängt nicht unbedingt mit sexueller Erregung und Lust auf Sex zusammen. Auch hat sie morgens nichts mit dem Druck in der Blase zu tun, auch wenn eine volle Blase auf die Prostata drückt. Üblicherweise haben Männer jede Nacht etwa drei bis fünf Erektionen. Diese kommen meist in der Zeit zwischen 4 und 7 Uhr zustande. Ausgelöst wird die Erektion in der REM-Phase, einer bestimmten Phase des natürlichen Schlafzyklus. Während dieser Phase steigen Puls und Blutdruck an. Auch ist die Durchblutung des Körpers sehr intensiv, denn das Blut transportiert Abbauprodukte und Schadstoffe aus dem Gewebe. So ein Reinigungseffekt ist übrigens in jedem Lebensalter nötig. So bekommen auch männliche Säuglinge und Greise morgens Erektionen, obwohl diese Männer sexuell nicht aktiv sind. Das zeigt: Sexuelle Fantasien sind nicht der Grund für die Morgenlatte. Soviel konnte ich aus dem Internet lernen – Homeoffice macht’s schon wieder möglich.

Doch je nach Latte habe ich einfach Lust oder Lust dazu. Ob jetzt rein wissenschaftlich betrachtet oder rein mechanisch die Latte in der Hand. Latte hin oder her oder her oder hin. Ein Genussmoment soll es sein. So gibt es in meinem Freundeskreis immer noch genug Kerle, denen ist die Morgenlatte peinlich und versuchen sie zu verbergen, sei das vor der Partnerin, Frau, Partner, Mann. Ich stehe dazu. Ist ein Teil von mir und zeigt mir, dass mit meinem Körper - laut Wissenschaft - alles stimmt. Und sollte das mal nicht mehr der Fall sein, dann ab zum Arzt. Von den zusätzlichen Bleib-zuhause-Kilos mal abgesehen.

Oder wie sehen sie das? Berichten sie mir von Ihrer Latte, der Morgenlatte, dem Caffè Latte oder auch von ihrem Lattenrost oder Lattenzaun, den sie frisch gestrichen haben in dieser zuhause-bleiben-Zeit. Oder haben sie gar einen feurigen Italiener, der ihnen zu ihrer Latte verhilft?
  schreiber@aargay.ch


Mai - Veränderungen

Nackt wie Gott mich schuf, setze ich mich auf und überlege, ob ich unter die Dusche soll oder meinen Kopf wieder ins weiche Kissen drücke. Ich schaue zurück und da liegt er in freudiger Erwartung. Mit seinen braunen Augen schaut er mich fragend an. Mir tut alles weh. War die letzte Nacht so wild? Es ist halb sechs Uhr morgens und irgendwie doch noch zu früh für Kaffee und Frühstück, also lege ich mich wieder hin und beginne ihn sanft zu streicheln.

Er liegt brav da und wedelt mit dem Schwanz. Ich bin gestern Abend auf dem Sofa vor dem Fernseher eingeschlafen und Asco hat es genossen, neben mir am Boden zu schlafen. Denn nach meinen Prinzipien, hat er im Schlafzimmer nichts zu suchen. Er hat seinen Platz beim Eingang und kann so den Rest der Wohnung ganz gut überblicken. Ein Aufmerksamkeitsdefizit hat er in diesen Tagen sowieso nicht. Ich bin öfters mit Asco unterwegs, als wenn ich normal arbeite. Home-Office macht‘s möglich. So gehe ich mittlerweile zweimal täglich joggen, dreimal normal raus und Asco ist immer dabei. Ich koche auch mehr, da diverse Anbieter ihr ganzes Kochrezeptarsenal gratis zur Verfügung stellen – da ist viel ausprobieren angesagt und das mit den einfachsten Zutaten, die man meist zuhause hat. Asco und ich sind am Rüebli essen wie die Weltmeister. Zum Dippen, geraffelt, gekocht, roh am Stück – ich meine, Hasen mampfen ja auch Rüebli. Also bleibt Schoggi vor, was zu Tonnen von zu viel Schoggi Hasen und Praline-Eiern führt und bei mir für weniger Kilos sorgt. Und durch das schöne Wetter sehe ich wie frisch von den Ferien aus. Was so eine Krise alles ausmachen kann.

Daneben wird man regelrecht medial bombardiert. In der Zeitung gibt es «Zugreif-Knaller». Also da knallt‘s, wenn man dieses Angebot in den Einkaufskorb legen will oder hab’ ich da was falsch verstanden? Das Radio macht Quiz zum fremdschämen oder wirft die Frage auf: Wann spaziert man? Wann wandert man? Im Fernsehen bringen sie Fitnessanleitungen und Wunschfilme, wahrscheinlich, damit man trotzdem noch einschaltet neben den täglichen Horror-News. Übers Mail gibt es Online Corona-Rabatt, die Pornoseiten überschlagen sich mit Tiefpreisangeboten und erotische Artikel werden dir nachgeworfen. Vielleicht wäre ein Hartdildo angesagt - ein neues Spielzeug für Asco? Und Facebook erblüht förmlich. Es vergeht keinen Tag, ohne dass ich drei bis vier Freundschaftsanfragen von wildfremden Männern bekomme. Ich gebe es zu, es hat auch ganz schnuckelige Kerle darunter - die ich natürlich zu meinen «Freunden» zufüge - aber was soll ich mit einem Typ aus Aserbaidschan?

Corona-Zeit ist eine schwierige Zeit. Wir haben verlernt uns selber zu beschäftigen, auch mal mit uns allein zu sein und seinen Gedanken nachhängen. Man kann sich nicht schnell ablenken und ein Date abmachen, schnell raus zum Cruisen oder zum Shoppen in den nächsten Supermarkt fahren, für Dinge, die man gar nicht braucht – ausser jetzt dem Hartdildo. Oberflächlichkeiten haben keinen Platz. Sein und Schein wie auf den blauen Seiten schon mal gar nicht. Es ist eine Zeit der Veränderung, was vielen schwer fällt, wovor man auch Angst hat. Zum Teil begründet durch Existenzangst wie mein Coiffeur, der jetzt wieder offen hat oder der Wirt um die Ecke, der ab 11. Mai unter strengen Bedingungen öffnen darf. Oder, dass man nie mehr miteinander so umgehen kann wie bisher und auf Distanz bleiben muss? Jeder hat seine Träume, dazu braucht es den Mut zur Veränderung, was dann wiederum die Wenigsten haben. Doch in diesen Tagen müssen wir uns verändern und keiner fragt, ob wir den Mut dazu haben. Und etwas durchhalten müssen wir noch. In diesem Sinne: Bleibt gesund, bleibt noch etwas zuhause – und esst Rüebli.


April - Und plötzlich hat man Zeit

Da stehe ich in der Toilette vor dem Spiegel und wasche mir die Hände. Am Pissoir hinter mir steht der Kerl, den alle gerne im Bett hätten. Über den Spiegel kann ich ihn wunderbar beobachten, wie er an seinem Reisverschluss nestelt. Nur zu gerne würde ich ihm helfen. Er dreht sich zu mir um und grinst mich an. Sein Bart ist perfekt geschnitten, seine breiten Schultern und die Muskeln zeichnen sich unter dem weissen Hemd ab. Ich werde sowas von schwach und halte kurz mit meiner Tätigkeit am Lavabo inne und drehe mich um zu ihm.

Ich bin mit 1.83m nicht der Kleinste. Doch dieser Mann lässt sogar mich klein aussehen. Knappe 2 Meter, kein Gramm Fett, dunkelbraune Augen, sinnlicher Mund, dunkle Brusthaare, die aus seinem geöffneten Hemd schauen, behaarte Arme und wie erwähnt, einen perfekt geschnittenen dichten Bart. Er hat bemerkt, dass ich ihn beobachte und lacht mich an. Ich wasche meine Hände noch etwas länger. Die Spülung ertönt hinter mir und kurz darauf stellt er sich an das übernächste Lavabo.

Nein, es hat nicht gefunkt, wenn sie das nun meinen. Stefan ist mein Bürokollege, und auch er beginnt sich ausgiebig die Hände zu waschen. Wir befolgen ganz brav die Hygienevorschriften, die in diesen Tagen gelten. «Schade sind wir ab morgen zu Home-Office verdonnert», meint er. «Tja, schade. Ich kann glücklicherweise mit Asco noch raus, sonst heisst es ja zuhause bleiben.» Ich reibe mir die Hände mit Desinfektionsmittel ein, obwohl sie davon spröde werden. «Ich glaube, mir wird irgendwann mal die Decke auf den Kopf fallen», sagt Stefan.

Ja, zuhause bleiben ist angesagt. Die ganze Welt steht still – sollte eigentlich stillstehen. Ein Virus zwingt die Welt in die Knie. Ist das nun die Rache der Natur für das, was wir ihr antun. Oder ist das wieder ein Versuch für biologische Waffen, der schief ging? Bei AIDS wurden damals reihenweise Gerüchte in die Welt gesetzt. Man wusste, wie man sich schützt und konnte trotzdem Sex haben. Doch jetzt? Es gibt praktisch keinen Schutz ausser den Massnahmen, die der Bundesrat verordnet hat. Doch auf die Dauer kann 2 Meter Abstand nicht das Wahre sein. Stefan so weit weg zu haben, war für uns beide komisch, weil wir sonst eng zusammenarbeiten. Auch mit Anderen diese Distanz zu halten ist merkwürdig und ich habe Mühe damit. Christoph will vorerst auch nicht vorbeikommen. Ich bin froh habe ich Asco, den kann ich wenigstens knuddeln und der ist froh, bin ich nun so lange zuhause.

Mittlerweile habe ich einen Corona Overkill. Das Fernsehen bringt nichts Anderes mehr, sogar Sondersendungen wurden ausgestrahlt. Sollte man nicht jetzt die Leute aufmuntern, interessante Filme zeigen? Doch nein, im Schweizer Fernsehen scheint Corona das einzige Thema und überhaupt Panik pur zu sein. Immerhin hat man begriffen das Schulfernsehen auszubauen. Neuerdings laufen Sendungen, wie man sich zuhause fit halten kann – gab’s doch schon mal: «Fit mit Jack». Die Skype-Sitzungen bringen etwas an Humor in den Alltag, wenn bei den Einen oder Anderen das Mikro mal nicht läuft oder die Leitung so schlecht ist, dass es zu lustigen Verzerrungen kommt. Beim Einkaufen sehe ich fast nur ältere Leute, die zuhause bleiben sollten und die Läden geben sich alle Mühe, damit man sich an die verordneten Regeln hält. Sogar unser Bäcker lässt nur zwei Kunden gleichzeitig rein.

Die Leute können sich nicht mehr mit sich selbst beschäftigen. Sämtliches Unterhaltungsangebot fehlt – was für die kulturellen Institutionen eine Tragödie ist. Auch mir fehlen Theaterbesuche, zusammen essen gehen und mein Coiffeur hat auch zu. Klopapier habe ich genug und Nudeln sind bei mir eh immer im Vorrat.

Ich gehe mittlerweile bis zu drei Mal mit Asco raus und mache neu zwei Jogging Runden, wenn auch nur kurz. Meine Nachbarn und ich kreuzen uns mit zwei Meter Abstand und wir wechseln sogar die Strassenseite. Facebook und Co. erblühen und auf den blauen Seiten gibt es tatsächlich noch so ein paar Bekloppte, die ein Sexdate abmachen wollen. Auch ein Freund bestätigt mir, er sei untervögelt und CamSex mache auf Dauer keinen Spass. Ich denke an meine Freunde, meine Geschwister, meine Eltern und Asco legt seinen Kopf auf meine Schenkel. «Komm Asco, raus.»

Ich hab ja Zeit, Home-Office kann ich Spätabends machen, tagsüber kann den Frühlingsputz in Angriff nehmen, meine CD’s digitalisieren, ausmisten, für meine Nachbarin einkaufen gehen, weil sie zuhause bleiben sollte oder auch mal Nichts tun. So ein Privileg hat man selten. Und das sollten wir öfters machen: Nichts!


März - Ich und mein Ständer

Da stehe ich nun mit meinem Ständer und bin sogar etwas stolz auf ihn. Seit kurzem habe ich ihn nun meinen Dauerständer und es ist mir nicht mal mehr unangenehm. Mit der Zeit habe ich mich sogar daran gewöhnt. Die Leute schauen mich nicht mal mehr an, wenn ich mit ihm so dastehe, ihn manchmal liebevoll umfasse und er steil in die Luft ragt.
Nur nachts ist es etwa schwierig, vor allem wenn die Krankenschwester kommt und die Infusionsbeutel wechseln muss. Ich wurde notfallmässig im Spital eingeliefert, doch zum Glück nicht so schlimm wie befürchtet. Allerdings musste ich ein paar Nächte zur Beobachtung bleiben. Schon im Notfall wurde mir der Ständer zur Seite gestellt und wich seither keine Sekunde von meiner Seite. Da ich ja mit ein paar Schläuchen mit ihm verbunden bin, ist es auch schwierig, mich von ihm zu trennen. Seit Jahren wieder ein Spitalbesuch, unerwartet zwar, doch besser so, als wenn etwas Schwerwiegendes zu Tage gekommen wäre. Christoph hat mich hergefahren und Asco hat gewinselt, wie wenn wir uns nie mehr wiedersehen würden. Dabei weiss er ja, dass er bei Christoph gut aufgehoben ist und mehr verwöhnt wird als zuhause.
Mir fällt auf wieviel Personal so ein Spital hat und welch extreme Hierarchie herrscht. In den 5 Tagen hatte ich drei Ärzte, einen Oberarzt, den ich gerade mal knappe fünf Minuten gesehen habe, unzählige Pflegerinnen und Pfleger, Putzpersonal und die Frauen, die fürs Essen bringen zuständig waren. Alles genau durchgeplant und orchestriert.
Die Zimmer sind nichts Besonderes und ich liege auf derselben Station wie beim letzten Mal vor 25 Jahren. So lange ist mein letzter Spitalaufenthalt her, als ich einen Bänderriss am rechten Fuss operieren musste.  Auch sind die Zimmer immer noch dieselben, doch neu fällt der Blick auf die Uhr an der gegenüberliegen Wand. Schon im Notfall, überall! Hat man in der normalen Arbeitswelt das Gefühl, die Zeit rast, ist hier das Gegenteil der Fall - die Minuten werden zu Stunden. Immer und überall starrt mir eine Uhr von der gegenüberliegenden Wand entgegen. Vor allem nachts, wenn man nicht schlafen kann und der Zimmernachbar die Nachtschicht auf Trab hält, zähle ich die Minuten. Ich beneide die Leute nicht, die sich aufopfernd um die Patienten kümmern und vom Arbeitsplan her kaum für sie Zeit haben. Die stöhnenden Hilferufe, das penetrante Klingeln und piepen, das nachts durch die Gänge hallt, hat etwas unheimliches, schon fast Surreales. Mit unendlicher Geduld versuchen sie zum wiederholten Mal meinem Zimmernachbarn beizubringen, wo das Licht ein- und ausgeschaltet werden kann, wie er das Bett verstellen oder fernsehen kann. Abend für Abend dasselbe – in der Nacht ebenso. Kommt erschwerend dazu, dass er sich die Kabel zur Intensivüberwachung zum x-ten Mal ausgerissen hat. Dies zieht dann einen intensiven Piepston nach sich und meistens spurten gleich zwei Schwestern ins Zimmer. Das erste Mal kurz vor Mitternacht und ich hatte gerade eine knappe Stunde geschlafen. Für den Rest der Nacht ist an Schlaf und Erholung nicht zu denken. Werde ich auch mal so enden? Verwirrt, orientierungslos und depressiv mit 75 Jahren – ich mag nicht daran denken. Und kaum bin ich in dieser Nacht endlich gegen fünf Uhr morgens eingeschlafen, weckt mich um sechs Uhr die Schwester um die Infusion zu wechseln, neue Antibiotika zu stöpseln, und zu guter Letzt auch noch Blut abzuzapfen. Mein Geduldslevel rast im Sturzflug rapide gegen den Nullpunkt. Doch ihr freundliches Lächeln und die Entschuldigung, dass ich eine schlimme Nacht gehabt hätte, stimmt mich milde. Ihr war es ja genau gleich gegangen.
Ich bin froh, als ich meinen Ständer – meinen Infusionsständer – abgeben und aus dem Spital kann. Und einmal mehr dankbar für die Gewissheit, wie gut es wir Gesunden haben - und doch gerade diese Gesundheit nicht zu schätzen wissen.


Februar - Blaue Seiten

Es ist passiert. Ich habe mir auf den blauen Seiten endlich wieder ein Profil erstellt. Man(n) sollte ja mit der Zeit gehen. Die Zeiten sind endgültig passé, als man(n) jemanden in einer Bar oder Disco kennen lernte, die halbe Nacht durchtanzte und nach dem letzten Drink den Kerl abschleppte. Man(n) verbrachte den Sontag zusammen – vorwiegend im Bett – und machte am Montag blau, um noch etwas länger mit dem Kerl im Bett zu bleiben.

Nach dem so verlängerten Wochenende verknallte man(n) sich entweder in den Typ oder man(n) sah ihn nie wieder im eigenen Bett, in der Bar hingegen schon, wo er sich von einem anderen Typ abschleppen liess.
Doch hier auf den blauen Seiten weiss ich, was mich in etwa erwartet. Sie sind voll mit netten Bildern, wenn man von der Bildqualität mal absieht, die irgendwelche verrauschten, unscharfen oder angeschnittenen Gesichter zeigen. Alle sind irgendwie in den Ferien, sehen relaxt aus, niemand scheint zu arbeiten. Das Leben besteht schliesslich nur aus Fun, wenn man den Profiltexten Glauben schenkt. Schliesslich will man sich anbieten oder sucht etwas – Marketingkenntnisse sind klar von Vorteil. Da werden sämtliche Vorzüge runtergeschwurbelt, Romane geschrieben oder gar nichts. Am schönsten finde ich Texte wie: «ohne Gesichtsbild kein Chat» und im eigenen Profil prangt ein Gänseblümchen. Also sieht der Typ aus wie ein Gänseblümchen, wie ein Turnschuh, wie eine Landschaft, wie eine Mauer oder wie gar nichts? Oder «Boy, 56 sucht…»  - sogar mit meinen 45 ist meine «Boy-Zeit» seit über 25 Jahren vorbei. Ich bin ganz klar ein Mann, ein Kerl von oben bis unten, mit Bart, Haaren auf der Brust, an Armen und Beinen, schwindenden Herrenratsecken und etwas zuviel auf den Rippen. Und wer ein neues Profil hat, wird eh überrannt mit Anfragen, Angeboten und Anmache.

Ich beschliesse ein aktuelles Bild von mir und Asco als Profilbild zu laden. Da weiss jeder was Sache ist und mein Hund eine Liebschaft überdauern kann, ich aber keine solche suche. In meinem Beziehungsstatus steht, dass ich eine offene Partnerschaft habe – haben Christoph und ich mal so beschlossen. Nicola, ein Bekannter, sagt da, er sei Single. Obwohl er in einer Beziehung lebt und sehr eifersüchtig reagiert, wenn sein Freund nur schon einen anderen anguckt. Die eigene Reflektion bleibt etwa in der Reisverschlussgegend hängen. Bildtechnisch allerdings sieht man in der Reissverschlussgegend sehr viel stehen oder hängen, mehr als einem lieb ist. Und ich wurde auch schon gefragt, weil ich kein so stehendes Bildchen habe: «Was hast du in der Hose?» Ist doch im Grunde ganz einfach: Portemonnaie, Hausschlüssel und ein Taschentuch.

Ok, nicht ganz das, was der Typ wissen wollte. Doch für alle, die es jetzt genau wissen wollen. Ich trage etwa ein paar Leckerli für Asco bei mir. Aber wenig, nicht dass er zu dick wird. Apropos Dick: Jeder gefühlt Zweite geht ins Fitnessstudio, fährt Rad, macht Dauerlauf oder irgendeinen Sport. Matratzensport? Wenn ich mich so ansehe, habe ich nicht mehr die Figur wie vor zwanzig Jahren und ewig jung bleiben will ich auch nicht. Die grauen Haare schimmern schon länger durch mein braun. Doch ich bin zufrieden. Also stelle ich mir die Frage: Was mache ich hier? In dieser Scheinwelt, in der - wie es aussieht - Keiner Durchschnitt ist. Ich will jetzt nicht sagen, dass es hier keine tollen Leute gibt. Langjährige Freundschaften sind bei mir so entstanden, sogar Christoph habe ich erst über die blauen Seiten kennen gelernt, bis wir uns per Zufall mal direkt über den Weg gelaufen sind. Die blauen Seiten gibt es schon lange, doch damals waren sie ehrlicher. In der heutigen Selfie- und Selbstdarstellungs-Ära scheint mir, ist anderes gefragt – Äusserlichkeiten, aufgepeppt mit den eingebauten Fotofilter des Smartphones. Wäre es nicht an der Zeit, wieder ehrlicher miteinander umzugehen? Direkt und nicht virtuell?

Christoph konnte es kaum erwarten mein neues Profil zu sehen. Er hatte Freude, weil er das Bild von mir und Asco gemacht hatte. «Gefällts dir?» fragte ich. «Doch, kommst gut rüber, und ich würde dich sofort nehmen…!» Ich lachte. «Dann ist ja gut, mich hast Du ja» und drückte den «Löschen»-Button.



Januar - Januarloch

Der erste Schnee war gefallen – Mitte Dezember - und Asco hatte Freude, darin umher zu tollen. Ich hatte meine warmen Schuhe und die Winterjacke mit Fleeceeinsatz hervorgeholt. Obwohl diese Jacken schon so was von out sind, mag ich das kuschelige Ding eben doch. Die neuen modernen Daunenjacken geben zwar recht warm, ich aber sehe darin aus wie ein Michelin-Männchen.

Doch Weihnachten war wieder grün, warm und für meinen Geschmack eben sowas von nicht Weihnachten. Und nun im Januar kündigt sich das Januarloch an. Nach Black-Friday, Cyber-Monday und was da alles an billigen Produkten verscherbelt wurden, bleibt nun kein Geld für gar nichts mehr. Und immer noch ist Sale – oh ja, gesalzen kommt einem dann doch die eine oder andere Rechnung vor. Genau das darf ich wieder im Geschäft zu duzenden ausbaden. Dafür bin ich ja da und werde bezahlt. Was mir aber nicht in den Kopf gehen will, ist der dauernde Konsumrausch. Nachdem ich meinen Kleiderschrank endlich ausgemistet habe und das Meiste in die Kleidersammlung gab, hatte ich nicht das Gefühl, den Schrank wieder zu füllen. Nein, ich geniesse die Leere dort drin.

Leere ist nach den Festtagen auch endlich in meiner Wohnung eingekehrt. Nach den ganzen Weihnachts-, Zwischendurch- und Silvesteressen mit Familie, Christophs Familie, Freunden und Bekannten, Nachbarn, Patenkindern und Hundekollegen bin ich froh, dass der Alltag Einzug gehalten hat. Auch Asco geniesst die Ruhe sichtlich und liegt mir abends zu Füssen oder wir unternehmen besonders lange Spaziergänge. Mir ist wesentlich wohler ohne diese üppigen Gelage. Und ich kann mein Gehirn freischaufeln und über Bevorstehendes nachdenken – über meine Ferien und die Abstimmung im Februar. Die Wohnungsinitiative interessiert mich nicht sonderlich – ich habe ja eine eigene Wohnung. Egoist - denken Sie wahrscheinlich! Ja, dem könnte man so sagen. Doch die Änderung im Strafgesetzbuch für das Verbot der Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung ist ganz klar anzunehmen. Da gibt es ein grosses Ja von mir. Denn nach Meinung von Bundesrat und Parlament darf niemand wegen seiner Homo-, Hetero- oder Bisexualität diskriminiert werden. Das gehört zu den von der Bundesverfassung garantierten Grundrechten. Die Erweiterung des Strafrechts verbessert den Schutz vor Diskriminierung. Ist auch meine Meinung – und Ihre?

Und von wegen Januarloch… Trotz der Wärme, die wir hier haben, zieht es mich in den Süden. Genauer nach Gran Canaria. Ja, ich weiss: Sonne, Sand und Meer. Oder sollte ich sagen: Mehr? Mehr Gays, mehr Szene, mehr Sex. Christoph mag GC nicht, das sei ihm zu schwul. Auch gut, denn er lässt mich ziehen und so kann ich meiner geheimen Lust frönen. Oh nein, da kommen sie nie drauf, denn sie haben sicher gedacht Gays aufreissen, heisse Nächte und davon jede in einem anderen Bett mit einem anderen Kerl, Disco bis zum abwinken. Ha, wenn Sie wüssten – doch nein, das bleibt mein kleines Geheimnis – nur soviel: Es hat mit Sand und Meer zu tun. Und eben mit dem Januarloch, denn Ende Januar ist es soweit. Eine Woche nur für mich ganz alleine. Asco wird mir zwar nach zwei Tagen fehlen, doch der freut sich, wenn er meine Schwester zum Wahnsinn treiben kann. Und ich werde sicher den einen oder anderen Kerl ansehen, mich in Abschlepptaktik üben, heisse Nächte haben. Und wahrscheinlich nicht nur das… Aber behalten sie es für sich.

Dezember – Advents- und Weihnachtszeit 2019

Dezember, Monat der Chläuse. Ende November trafen sich 52 von ihnen in Zofingen zum 20 Jahr Aargay Anlass. Wie mir zu Ohren kam, war es ein gemütlicher Anlass mit zufriedenen Gesichtern, gutem Essen und ausgelassener Stimmung. Eher befremdlich war, dass nur eine Flasche Rotwein getrunken wurde. Eine Flasche Rotwein für 52 Männer?

Ich wurde auf Anfrage aufgeklärt, dass es sich um eine 15 Liter Flasche handelte. Die üppige Weihnachtsdekoration war Gesprächsstoff, auch das Dessert wurde gelobt und wenn ich an all die süssen Versuchungen in der Weihnachtszeit denke, werde ich noch etwas schwerer und runder. Der verführerische Duft von frisch gebackenen Güetzli lässt mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Angefangen von den Mailänderli, über Brunsli oder Anis-Chräbeli bis zu den raffinierten Orangenschnitten, die Christoph so gut macht. Die Weihnachts- und Adventszeit ist da. Karten kreieren, schreiben und an liebe Menschen senden, an die man all die Monate vorher nicht gedacht hat. Jahreszusammenfassungen lesen, die man von Verwandten bekommt – doch was interessiert mich die Operation am Darmausgang von Tante Berti? (über andere Darmausgänge kann man reden…) 

An Dezemberabenden bei Kerzenlicht zusammen essen – wenn Christoph mal da ist, denn meistens darf ich das alleine mit Asco. Im Radio wird «Last Christmas» von Wham rauf und runter gespielt und im Kino läuft sogar ein Film der so heisst – natürlich nur mit Songs von Wham (Schmelz). Die Heilsarmee singt in der Stadt die alten  Weihnachtslieder, die keiner mehr richtig kennt und nur noch mit summt. Weihnachten sollte eine besinnliche Zeit sein. Das Gegenteil ist der Fall. Alle müssen noch irgendwelche Geschenke kaufen, weil sie die Wochen vorher nicht daran gedacht hatten. In den Läden herrscht Grossandrang, obwohl seit Mitte Dezember schon Winterschlussverkauf ist – oder gerade deswegen? Die Luft ist stickig und ich habe jedes Mal das Gefühl in einer Mischung aus Sauna und vollgestopftem Bus mich mit der Masse unzähliger Ausdünstungen bewegen zu müssen. Dabei könnte Weihnachten so entspannt sein. Man arbeitet weniger als in normalen Monaten. Hat Zeit mit seinen Liebsten die Tage zu verbringen – die ab und zu auch wegen Streitigkeiten entgleisen. Warum eigentlich? Hat man endlich Zeit zum Streiten oder ist man wegen dem ganzen Weihnachtsrummel genervt?

Doch wenn ich an den Weihnachtmann aus meiner Kindheit zurückdenke, wird mir warm ums Herz. Der Weihnachtsmann mit seinem Schmutzli kam bei uns immer am Heilig Abend. Anfänglich war da die Mischung aus Angst und Faszination. Kann ich den Vers richtig aufsagen, damit ich ein Geschenk bekomme? Auch wenn ich es nicht konnte, nahm er mich auf seinen Schoss und ich bekam etwas aus seinem Sack (keine schmutzigen Gedanken jetzt…) Mit der Zeit fand ich den Schmutzli mit seinem dunklen Bart jedoch interessanter und geheimnisvoller. Später stellte sich heraus, dass der Weihnachtsmann mein Pate war. Der Schmutzli war unser Nachbar, den ich später wegen seinem behaarten Körper extrem sexy fand, wenn er im Sommer in seiner knappen Badehose im Garten arbeitete. All diese Kindheits- und Jugenderinnerungen werden immer verwaschener, je älter man wird. Schliesslich verdrängt man sie ganz, um dem Ansturm und Wettbewerb auf Weihnachten gerecht zu werden.  Dabei braucht es so wenig. Asco und Christoph, Zeit für einander. Und dann noch die Familie, meine Eltern und Geschwister, Christophs Eltern und Geschwister. Unsere Freunde, die wir schon lange nicht mehr gesehen haben. Die Arbeitskollegen mitsamt Familie, dann wären da noch… Ich glaube an Weihnachten verreise ich endgültig. Alleine!


November-Blues 2019

Die Tage sind kürzer geworden. Mein Hund verkriecht sich solange er kann auf seiner Matte und Lust nach draussen in den Nebel zu gehen, hat er frühmorgens schon mal gar nicht. Ich kann ihm nachfühlen und verwünsche meinen Wecker ins Pfefferland. Irgendwann sollte ich aus den Federn in die kühle, feuchte Suppe.

Herbst und Nebel geht ja noch, doch November und Nebel geht gar nicht.
In der Stadt strahlen teils seit Anfangs Oktober die Schaufenster mit Weihnachtsartikel um die Wette. Noch einen Monat und dann wird der Weihnachtskitsch dem Winterschlussverkauf Platz machen  garantiert ab Mitte Dezember. Wehe dem, der noch etwas für Weihnachten besorgen sollte. Im November fliesst alles nur zähflüssig dahin. Die goldenen Herbstfarben sind verschwunden, das Grau des Nebels hat Einzug gehalten. Wir haben uns noch nicht auf die Wintergarderobe umgestellt, weil Oktobertage zum Teil sehr warm waren und wir in Shorts und T-Shirts rumlaufen gelaufen sind. Ist ja auch eine Schande, dass man die frisch zugelegten Muckis nicht mehr zeigen kann. Allerdings ist es auch nicht schlimm, wenn die Fettpolster versteckt bleiben. Dass sogar der Mode- und Schönheitswahn im November endlich ins Stocken gerät und jeder wieder so sein darf, wie er eben ist, hat auch etwas Befreiendes.

Die Aussicht auf einen gemütlichen Film- oder Fernsehabend stimmt mich wieder freundlicher. Kuscheln vor dem Cheminéefeuer mit Christoph, meinem Freund, mit dem ich aber nicht zusammenwohne. Und nein, Kinder haben wir auch keine adoptiert, sonst müssten wir uns vielleicht mit mühsamen Spielgruppen-Leiterinnen rumschlagen. Ein Buch am Stück durchlesen, während der Hund gemütlich zu meinen Füssen döst. All die Dinge, die man sich für die langen Winterabenden vorgenommen hat, kann man nun langsam ins Auge fassen. Endlich mehr Zeit, da man draussen nichts verpasst – oder das Gefühl hat zu verpassen, Winterzeit sei Dank.

Der Kleiderschrank könnte zum Beispiel ausgemistet werden. All die Klamotten, die sich seit Jahren stapeln und die ich nicht mehr trage - weil sie zu alt oder zu klein sind - könnte ich gut entsorgen. In meine Lederkluft komme ich seit Jahren nicht mehr, die hat bloss noch Erinnerungswert – schmerzlichen Erinnerungswert, wenn ich mich im Spiegel betrachte. Mein Harnisch hatte ich vor 20 Jahren mit einer grossen Liebe in Boystown Chicago gekauft. Den sollte ich sowieso schon lange weggeben. (Nicht den Mann – den Harnisch. Jemand Interesse? Grösse S) Die wilden Jahre sind bei mir gewichen. Und wenn ich so überlege, war nicht jede Eroberung gleich die grosse Liebe oder EINE grosse Liebe. Und heute? Doch ich schweife in Gedanken an meine Liebhaber ab…

Als ich nun vor dem Schrank stehe, noch immer im Schlafanzug, frage ich mich, ob vielleicht eine neue Farbpalette gefragt wäre? Im Büro darf es ruhig bunter sein als immer nur Beige, Grau, Oliv oder dezentes Blau. Kann ich mich entscheiden für kräftigere oder gewagte Farben wie Knallgelb, Grasgrün oder Flieder? Bei der Gelegenheit wäre auch eine Nummer grösser angesagt.

Ab November stehen sowieso wieder die Weihnachtsessen der Firmen an. Jubiläumsessen, die von Sommer in den November verschoben wurden. Einladungen zum Essen, die man durchs ganze Jahr immer wieder hinausgezögert hat und nun meint, es müsse alles noch in diesem Jahr sein. Was bin ich froh, kann ich meine Badehosenfigur, die ich nie hatte, unter weiten Pullovern und bequem weiten Hosen verstecken, ohne meine Hüftpolster in irgendwelche enge Jeans zu quetschen. Mit den jungen Fitnessboys und der Selfie-Generation will ich mich nicht messen. Doch ab und zu verguckt sich einer dieser jung dynamischen Kerls in einen Daddy wie mich – ergreifen sie die günstige Gelegenheit. Ich sollte unbedingt wieder Sport machen – überhaupt Sport machen. Asco schaut mich quälend an. Herrje, der Hund muss raus. Wie schnell im Nebel die Stunden vergehen.


Wahlen - Oktober 2019

Jetzt strahlen sie wieder doppelt, die Strassenlaternen. Des Nachts bestrahlen sie die Strasse und durch den Tag strahlen einem vom Laternenpfahl unzählige, ebenso freundliche Gesichter entgegen. Unbestritten, es ist Wahljahr! Was versprechen die vielleicht angehenden Politiker und Parteien nicht alles? Doch haben sie auch schon mal ein Anliegen oder Versprechen für die LGBT-Gemeinde auf einem dieser Plakate entdeckt? Ich jedenfalls nicht. Das Motto scheint grün zu sein. Für eine Saubere Umwelt, weniger CO2 Belastung, Flugticketabgabe, Greta - Streik. Für die Grünen und Grünliberalen kein Thema. Wird nun mein Flug nach Gran Canaria an den Gay-Strand wieder teurer? Und wenn es im Sommer immer heisser wird wie in den letzten Jahren, da freut sich sicher nicht nur die Bier-industrie - die aber auch wieder CO2 verursacht - Scheinbar.

Doch zurück zu den strahlenden Kandidaten an den Laternenmasten – oder sollte ich sagen Verbrechen am Laternenpfahl? Damit meine ich nicht Asco, mein Hund, der unbeeindruckt das Bein an einem solchen Pfahl hebt. Ist nun auch Blau das neue Grün? Wie schnell kann man doch die Farbe wechseln um Wähler zu gewinnen. Oder wo zum Beispiel sind Diejenigen mit der orangen Farbe, machen die wirklich nur digitalen Wahlkampf? Die, denen die Familie über alles geht. Doch unsere Art Familie, zählt bei den Orangen scheinbar nicht. Dass die Gelben einen langweiligen Wahlkampf machen, sagen sie ja selber. Dass diese Partei einen ganz netten schwulen Jungpräsidenten haben, verschweigen sie. Ich meine nicht die Gelben, die ganz fromm sind, die lasse ich mal aussen vor. Und dass die Partei mit der Sonne im Logo, diese kaum mit dem Regen-bogen ersetzen wird, dürfte auch klar sein. Die haben ja auch die Farbe grün im Logo, sehen aber meistens schwarz. Gibt es eigentlich Schwule oder Lesben oder sogar Trans-menschen in dieser Partei? Es gibt sie, ja – nach neusten Erkenntnissen schweizweit an die sechzig Mitglieder. Bei der Partei mit der roten Farbe ist es ja klar, die hatten vor Jahren einen schwulen Nationalratspräsidenten, der sich öffentlich dazu bekannte.

Nun, frage ich mich schon: Wen soll ich denn nun wählen? Soll ich mich treiben lassen und den hübschen Männern, die mir auf den Fotos gefallen, meine Stimme geben? Oder soll ich nun mühsame Recherche betreiben, wer denn nun lesbisch, schwul, trans oder LGBT freundlich gesinnt ist und die Anliegen in den Räten vertritt? Vielmehr scheint mir der Genderkampf in vollem Gang zu sein. Die Klimadebatte donnert ungebremst übers Land, Themen wie der Vaterschaftsurlaub
nehmen Überhand, kurzzeitig flackert die Ehe für alle auf. Dank einem Bieler Stadtrat sieht die eine Partei vielleicht doch nicht so schwarz wie sonst, wo andere etwa von orangen zu roten Köpfen mutieren. Sind diese Politiker, die sich jetzt stark machen, wirklich wählbar? Mein Kopf beginnt zu rauchen und ich sehe schwarz – obwohl ich keineswegs mit dieser schwarzsehenden Partei sympathisiere, auch wenn sie ein paar hübsche Bauernkerle in ihren Reihen haben.

Irgendwie hat mich das Feuer noch nicht gepackt. Der mediale Kampf steht noch bevor und viele, sehr viele strahlende Köpfe werden frei Haus geliefert. Wer wirklich anpacken sollte, sind wir! Wir haben es in der Hand um zu schauen, dass Versprechen nicht blosse Versprechen bleiben. Dass das Strahlen an den Laternen nach den Wahlen nicht nur nachts zu finden ist. Also Freunde, geht wählen!










Aargay
von Männern - für Männer
(function(i,s,o,g,r,a,m){i['GoogleAnalyticsObject']=r;i[r]=i[r]||function(){ (i[r].q=i[r].q||[]).push(arguments)},i[r].l=1*new Date();a=s.createElement(o), m=s.getElementsByTagName(o)[0];a.async=1;a.src=g;m.parentNode.insertBefore(a,m) })(window,document,'script','//www.google-analytics.com/analytics.js','ga'); ga('create', 'UA-64290466-1', 'auto'); ga('send', 'pageview');